Kaffee erobert Europa

Als die Türken von Juli bis September 1683 Wien belagerten, aber final dann doch von den Truppen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation geschlagen wurden, traten die bis dahin vom Erfolg verwöhnten Eroberer den Rückzug an und verließen fluchtartig ihre Belagerungs-Quartiere rund um die Stadt. Als die Sieger die Lager der Türken besichtigten, fanden sie große Mengen Kaffee.

Und was damals noch niemand ahnte – mit der Niederlage der Türken begann die Eroberung Westeuropas durch den Kaffee. Die Wiener kamen als erster in den Genuss dieses wohlduftenden Getränks. Die allererste Konzession, das sogenannte „Kaffeeschankprivileg“ vergab die Wiener Verwaltung im Jahre 1685 an einen armenischen Kaufmann – Johannes Diodato. Das war der Beginn der Wiener Kaffeehaus-Kultur. Und seither ist in der Wiener Gastronomie Kaffee das Leben spendende Elixier, mehr noch als Nockerln, Mozartkugeln, Kaiserschmarrn oder Sachertorte. Noch im 18. Jahrhundert wurde in den Kaffeehäusern der Kaffee mit Kipferln serviert. Kipferl sind ein halbmondförmiges Gebäck und mit seinem Verzehr sollte des Sieges gegen die Türken gedacht werden. Die Kipferln gibt es immer noch in Wien und überall in Österreich aber kaum jemand stellt heute noch einen Bezug zum türkischen Halbmond her.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Wien bereits 150 Kaffeehäuser und hundert Jahre Später, um 1910 war die Zahl auf beachtliche 600 gestiegen. Ursprünglich war der Besuch der Kaffeehäuser allein den Männern vorbehalten, aber mit Ende des 19. Jahrhunderts wurde es modern, das Kaffeehaus mit der ganzen Familie zu besuchen. Für die Kinder gab es dann Kuchen, Limonade oder Kakao und im Sommer auch Eis. Sogar einige Kaffee-Salons für Damen konnten sich bald durchsetzen. Das Gesicht vieler Kaffeehäuser wandelte sich mit den Jahren. Es entstanden Kaffee-Konditoreien, Espresso-Restaurants bzw. Café-Restaurants. In der Kultur der Kaffeezubereitung hat man sich im 20. Jahrhundert schnell die Fortschritte der Italiener zu Nutze gemacht, die es als Erste verstanden haben, wie man aus einer gerösteten Bohne mit heißem Wasser und extrem hohen Druck ein wirklich erlesenes Elixier herstellt.

Jede Espresso-Maschine in den über tausend Wiener Cafés und Bars und jeder Kaffeeautomat verfügt heutzutage über die Technik, die man Italien entwickelt hat und die in den letzten Jahren auch Mittel- und Westeuropa erobert hat. Man sieht, der Kaffee ist einer der erfolgreichsten Imperatoren der Geschichte, erfolgreicher als die Römer oder seinerzeit die Türken. Ständig erobert er neue Kulturen und neue Länder und es fließt kein einziger Tropfen Blut, nur ein schwarzer, heißer, phantastisch duftender Saft.

19. Januar 2010 | Von | Kategorie: Essen & Trinken